Montag, 4. April 2011

1, 2, 3, 4, 5, 6, 77! - The Shocks


Punkrock ist tot! Wer bis auf die Punks selbst wüsste das nicht. Aber, liebe Leser, wir reden hier nicht von staubigem, spaßfreien Punkrock a la Dritte Wahl, der sich im eigenen, ewig gleichen Morast dreht wie eine Nadel in der Auslaufrille eines Plattenspielers, den man vergessen hat, auszuschalten. Oder gar von der Zwieback-Ödnis, die die Intro mit Punkrock verwechselt, wenn sie mal wieder die Nachfolge der viel zu spät aufgelösten Muff Potter in irgendwelchen schlaffen, vermeintlich raubeinigen Befindlichkeits-Muckern feiert. Wir reden nicht von „Punkrock,“ der aus einer Anti-Haltung heraus entsteht, die man als Teenager irgendwann einmal aufgeschnappt hat, und an die man sich seither so gut gewöhnt hat, dass man den Stachel gar nicht mehr spürt. Wir reden von 1977, von Frische, Intensität, Wut und Hedonismus. Wir reden von the Shocks.

Dresden, Chemiefabrik, Herbst 2006. Keller-Atmosphäre, Bierchen trinken, kickern, Vorband, dann die Shocks. Bis zum letzten Song pogen die vielleicht 100 Leute. Eines von den Konzerten, bei denen man nur kurz zwischen den Liedern verschnauben kann, bevor man, sowieso schon völlig durchgeschwitzt, wieder in den Menschenklumpen springt. Total am Ende aber glücklich, mit einem verdrogten Lächeln im Gesicht. Wenn man nicht sowieso bei jedem Lied wild herum springen müsste, weil die Lieder der Shocks eben Lieder sind, zu denen man gar nicht anders kann, als wild herumzuspringen, dann müsste man das tun, weil man genau so alles geben will, wie die Band das tut. Ich hatte schon zu der Zeit nichts mehr mit Punkrock am Hut, aber diese Band war die späte Erfüllung all der uneingelösten Versprechen, mit denen man als Punk, ständig auf der Suche nach dem intensivsten Konzert und der verrücktesten Party, so lebte.

Zu viel Input um mich rum das macht mich schlapp und dumm ich brauch n Kick

Zu viel Input um mich rum das macht mich schlapp und krumm ich brauch n Kick
Tag für Tag die selbe Leier
Ich hänge in der Leine wo sind meine Eier

Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick
Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick
Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick
Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick
Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick
Ich brauch n Kick - Ich brauch n Kick - More Kicks
More Kicks - More Kicks - More Kicks
Aaah, more Kicks

Ich war peinlich spät durch meinen Bruder zu Punkrock gekommen. So spät, dass ich trotzdem weiter auch Pink Floyd hörte, und mir kein Punk-Outfit mehr zulegte. Trotzdem hatte ich mit Punkrock die allerbesten Jugend-Erfahrungen gemacht. Konzerte von drittklassigen Punkrock-Bands im Zwickauer Gasometer, bei denen wir uns das erste mal zaghaft und noch voller Respekt in den Pogo-Kreis wagten. Später abgeklärtes, selbstsicheres Hineinwerfen und Pogen auch in den härtesten, von boxenden Oi-Skin-Schränken durchsetzten Pogo-Mobs. Nichts mit Festhaken, Eingraben und Schützen, meist unter Inkaufnahme von Rippenschmerzen. Unvergessliche Konzerte von Terrorgruppe, Fucking Faces, UK Subs und Vibrators , im AJZ Talschock in Chemnitz, im Leipziger Conne Island, im Alten Schlachthof in Dresden, irgendwo in Schwarzenberg. Mit am schönsten immer die nach Hause Fahrt, wenn man die ganzen blauen Flecken überhaupt erst spürt und sich so angenehm kaputt fühlt. Die eigene Punkrock-Band inklusive Eierpappen-Proberaum, tausend verrückte Geschichten, sehr viel Bier, Diskussionen über Nazis, Bullen, Hippies, Pseudo-Punks, Anfeindungen von Nazis. Das ganze Identitätsfindungs-Ding. Die Musik immer dabei.

Und irgendwann war das dann alles wieder vorbei. Überall nur noch Kinderpogo, nichts, was man nicht schonmal irgendwo härter, krasser, intensiver erlebt hätte. Dazu durchschaute man die Bands - und viele andere Punks - so langsam als etwas stehen geblieben in der Zeit. Ich schaute meistens nur noch zu und warf mich höchstens mal für ein paar Lieder ins Getümmel, das fühlte sich dann immer ziemlich nostalgisch an. Und schließlich kaum noch Punkrock. Bis wieder mein Bruder eines Tages mit den Shocks ankam. Auf einmal alles wieder da.

Sie ist ne kleine Vorstadtschlunze und hat keinen Bock
Auf Schule, Arbeit und Familie und Mutters Unterrock
Sie ist gelangweilt und frustriert und voller Energie
Sie hat sich jetzte jäh verpisst aus der trauten Lethargie

Sie ist dreizehn und sie hat es -
Sie ist dreizehn und sie hat es -
Sie ist dreizehn und sie hat es -
Sie ist dreizehn und sie hat es allemal weg

Die Shocks erfinden das Rad natürlich keineswegs neu. Und man kann ihnen ohne Probleme die selben festgefahrenen Denkmuster und das selbe naive Politik-Verständnis vorwerfen, das man 100% des restlichen Punkrock, sobald es sich Punkrock nennt, vorwerfen muss. Und natürlich leben die drei Jungs SMail (Gesang, Gitarre), Alex (Schlagzeug) und Don Lotzo (Bass) ihr Lederjacken-Punkrock-Dasein. Es ist also alles ziemlich authentisch hier. Ihre Musik ist kein arty Spiel mit Punkrock-Referenzen, kein kreatives Überführen von Punkrock in andere Stil- und Musikrichtungen, sondern ernst und ehrlich gemeinte Hausmannskost. Nur dass der Diskurs eben schon zwanzig Jahre weiter ist; Punk eigentlich nur noch das sein kann, was nicht nach Punkrock klingt.

Doch das alles wischen die Shocks mit ihrer Frische und Scheißegal-Attitüde vom Tisch. Die Shocks spielen zum Teil schneller, als die allerschnellste „Punkrock“-Band, die doch nur Rolling-Stones-Riffs in schnell spielt. Die Leichtigkeit, mit der das geschieht und mit der Bass, Schlagzeug und Gitarre in eins greifen, lässt das aber nie prahlerisch, protzig, plump oder muffig wirken. Auch, weil alles so einfach klingt. Die Surf-Gitarre in vielen Songs verstärkt diese Leichtigkeit noch einmal. Geradezu vorbildlich Tarentino-tauglich ihre Surf-Instrumentals. The Shocks spielen einfachen, schnellen Seventies-Punkrock ohne Umwege. „Nasty Nasty“ von 999, wenn man so will, aber auf eine Weise, als wäre das gestern zum ersten Mal gespielt worden. Und genau so unaufdringlich und unmittelbar gehen die fantastisch einfachen Melodien in die Ohren.

Du stehst morgens auf aber willst gar nicht
Parfumgestank schlägt dir in der U-Bahn ins Gesicht
Dieselbe scheiße hast du jeden Tag

Nicht mehr lange und du kackst ab


Und du musst schuften gehn - Ahahah

Du musst deinen Mann stehn

Und du musst Schuften gehn

Du hast zwei Kinder, ne Frau
und ein Haus
Und wartest auf d
ie Sechzig, denn da machst du einen drauf, aha

Die Shocks singen über Punkrock-Themen. Kein Bock auf Arbeit, machen, was man will, die Anonymität der Moderne, die Kälte der großen Stadt, der Hass auf die Angepassten. Keineswegs besonders clevere Punkrock-Texte, aber einfach und auf den Punkt. Was schwieriger ist, als man denkt. Zum Teil sind es bis auf die Essenz abgekochte Punkrock-Texte, die man so höchstens in der kurzen Glanzzeit des deutschen Punkrock von 1978-1980 schon einmal hörte. Die nie mit großen Metaphern oder Bildern um sich werfen, aber auch nie zu direkt oder doof sind. Sehr englische Texte, früher Rock ‚n‘ Roll, aber eben auf Deutsch. Vorgetragen mit einer Stimme, die manchmal wie ein Quaken wirkt, die zwar vehement ist, der das aber auch alles ziemlich egal zu sein scheint.

Du hast mich angerufen

Denn zwischen uns war alles klar
Aber nur wenige Minuten
Und der alte Scheiß war wieder da

Völlig krank was hier abgeht
Hab‘s bis heute nicht kapiert
Hau doch ab oder bleib hier
Ich weiß nicht mehr Kein Plan mehr da

Es raucht mich auf - Schizophrenia
Wir leben in - Schizophrenia
Es raucht mich auf - Schizophrenia

Wir leben in – Schizophrenia


Einziger Makel: The Shocks haben sich vor zwei Jahren aufgelöst. Es bleiben die Schallplatten, und die Hoffnung auf eine baldige Reunion. Denn: derart begabte Punkrocker hat das Land lange, lange nicht gesehen.

»Parasit«, Schokoladen, Berlin, 2008

Absolute Empfehlung: Alles!
Too Many Kicks in 96 (1996)
More Cuts for You in Zero Two (2002)
Bored to Be in Zero Three (2003)
The 7-Inches (2004)
Banned from the USA (2004)
Brace, Brace... (2007)

-> http://www.myspace.com/theshocksde

Sonntag, 23. Januar 2011

Holt mich hier raus (Ich bin hier vor der Wand). Der zweite Erfindungsabend von Schorsch Kamerun, Kammerspiele, 21.01.2011

Schorsch Kamerun (of Goldene-Zitronen-Sänger-goes-Theaterregissuer-Fame, zurzeit sowohl bei den Münchener Kammerspielen als beim Hamburger Thalia-Theater) ruft zum zweiten Erfindungsabend in die Spielhalle der Kammerspiele. Einigermaßen gespannt – weil uninformiert – sehen wir einem Abend entgegen, der mit Namen wie Dietmar Dath, Pollyester, Alexander Kluge, Mouse on Mars und eben Schorsch Kamerun glänzt.

Erste Überraschung ist schon mal, wie viele Leute zu so etwas kommen, der Laden ist voll. Andererseits: vielleicht hat der Name Schorsch Kamerun (oder auch Pollyester, oder Mouse on Mars?) wirklich schon so viel Strahlkraft, dass sich die Leute – wie wir – allein deswegen massenhaft einfinden? Wir scheuen keine Konformität und machen es uns mit den anderen Twentysomethings/ Don’t-call-them-Hipsters vor der Bühne auf Kissen „bequem,“ man will ja ganz vorne dabei sein. Die meisten älteren Gäste nehmen auf den Bühnenrängen hinter uns Platz. Während man sich das erste Bier holt, laufen schon die butterweichen funky Tracks, für die ich Pollyester so liebe. Elektrostücke, bei denen ein analoger elektronischer Bass gespielt wird, mit genau der richtigen Menge Cheese. Hmm.

Dann kommt Schorsch Kamerun auf die Bühne und erklärt, worum es hier eigentlich gehen soll und wird, nämlich die aktuellen Vorbereitungen der nächsten Projekte der Kammerspiele vorzustellen und ein wenig zu erklären, was dabei die Hintergedanken so denken. Diesmal mit mehr Betonung auf dem E wie „Ernst,“ statt U wie „Unterhaltung;“ die nämlich sei ein wenig zu viel gewesen das letzte Mal, was einheitlich scharfe Kritik geerntet hat. Auf dem Programm heute standen also keine Penis-Operation-Geschichten, sondern Franz Schuberts »Winterreise«, sowie Dietmar Daths Utopie/ Dystopie »Die Abschaffung der Arten«. Untermalt wie schon beim letzten Mal von sogenannten Minutenfilmen von Alexander Kluge; zwischen den Beiträgen spielt Schorsch Kameruns »Erfindungsband« thematisch verwandte Sachen.

Zunächst also erst einmal Christoph Homberg, ein ganz großer Oratorien-, Konzert- und Opern-Sänger, der zurzeit an den Kammerspielen für die musikalische Konzeption von Elfride Jelineks Adaption von Schuberts »Winterreise« verantwortlich ist. Er singt uns, nur begleitet von einem Klavier, drei Stücke von Schubert vor. Danach will er uns zeigen, dass ein(e) jede(r) Opern-Style singen kann, und macht mit den Zuschauern Gesangsübungen. Die machen zu meiner Überraschung sogar sofort richtig mit, und das Ganze klingt auch gar nicht so schlecht, wie man es von so einer ungeübten Truppe erwartet; ich selber versage allerdings kläglich.

Als nächstes Dietmar Dath, der von Katarina Agathos interviewt wird. Anlass ist die 12teilige, und -stündige (!) Vertonung seines 550-Seiten-Buchs »Die Abschaffung der Arten«, bei der Katarina Agathos für die Dramaturgie verantwortlich zeigte. Ich bin einigermaßen fasziniert von dieser Gigantomanie und auch etwas (positiv) überrascht, dass der BR so ein Projekt tatsächlich durchzieht (zumal Dath bekennender Marxist und nicht unumstritten ist). Das Interview gerät allerdings einigermaßen anstrengend. Dath macht zwar kluge Aussagen zum Verhältnis von Kultur/ Künstlichkeit und Natur/ Authentizität, zu Kapitalismus, Demokratie, Utopien und seinem Autoren-Ich. Agathos geht aber kaum weiter auf die Antworten ein, sodass es bei einem drögen Frage-Antwort-Spiel bleibt, statt ein angenehmes Gespräch zu werden.

Wem das zu blöd wird, dem bleiben noch die Minutenfilme von Alexander Kluge, die – Abschaffung der Arten! – ganz ohne Lebewesen auskommen und verschiedene Naturschauspiele oder auch Schneeraupen nachts im Zeitraffer zeigen. Ganz nette Ideen, ganz nett anzusehen. Auch das Jugendtheater wird auf die Leinwand projiziert, beim Herumklettern unter den Zuschauerrängen. So etwas kennt man nun allerdings auch schon aus jedem zweiten Theaterstück.

Dazwischen immer wieder kurze Intermezzi der Erfindungsband (u.a. mit Pollyester am Bass), die ebenfalls die Winterreise interpretieren, später am Abend auch noch Goethe und Dietmar Dath. Meines Erachtens das beste Puzzleteil des heutigen Abends: punkig gesungene Beatmusik, die durch Schorsch Kameruns Gesang und die Hammond-Orgel zuweilen an die Goldenen Zitronen erinnert. Auch das einzige, was meiner Wahrnehmung nach mit »Erfindung« zu tun hatte.

Weswegen auch dieser Erfindungsabend seinen Ansprüchen nicht gerecht wurde. Bis auf die Songs der »Erfindungsband« wurde nichts »erfunden«, die einzige Interaktion mit dem Publikum – und da hatte ich eigentlich den Kern des Projekts vermutet – war die Gesangsübung von Homberg. Und lediglich Dietmar Dath hatte wirklich etwas zum Thema des Abends, Evolution und Revolution, zu sagen. Statt (spontaner?) Blödelei wie beim letzten Mal, gab es diesmal gar keine Performance. Fragt sich, was überhaupt groß »erfunden« werden kann an so einem Abend. Meines Erachtens kann das – in Abgrenzung zu den ja auch »erfundenen« Ideen, Performances und Kostümen von Theaterstücken – nur in so etwas wie Spontanität oder Publikumsinteraktion liegen. Schorsch Kameruns Strategie beim ersten Abend schien gewesen zu sein, dem „Ernst“ einer Auseinandersetzung mit Theaterthemen einfach mehr „Unterhaltung“ beizumischen. Heute blieb dann kaum mehr etwas von Beidem.

Als Entschädigung für einen lauen Abend bekam man immerhin noch einen Auftritt von Mouse on Mars, die die Musik zu Daths Höspiel gemacht haben. Aber will man das dann nicht doch lieber im Club? Aufhebung der Grenzen von Hoch- und Populärkultur ist ja schön und gut; wenn dafür aber die jeweils überzeugendsten Argumente dieses Gegensatzpaares geopfert werden, läuft es in die falsche Richtung. Vielleicht erfindet Schorsch Kamerun beim dritten Anlauf eine überzeugendere Lösung dieses Problems. Vielleicht gehe ich einfach mal wieder in ein Theaterstück, und schaue, was dort so erfunden wird.

-> http://www.muenchner-kammerspiele.de/programm/holt-mich-hier-raus-ich-bin-hier-vor-der-wand/

Mittwoch, 19. Januar 2011

Albumkritik - »Schall und Wahn« von Tocotronic - bemüht und uninspiriert

Albumcover zu "Schall und Wahn"
Die Idee ist gut, aber.. Tocotronics neue Platte enttäuscht trotz Blumencover. 
Tocotronic – meine absolute Lieblingsband – haben sich verrannt. Ihre neue Platte »Schall und Wahn« gefällt mir nicht. Das heißt auch, sie gefällt mir noch weniger als »Kapitulation«, die Platte davor, die mir noch weniger als »Pure Vernunft darf niemals siegen«, die Platte davor, gefallen hat. Und bei der fing das auch schon an, mit dem sich einschleichenden unguten Gefühl. Und sowas muss ja Gründe haben. Es stellt sich die Frage: wer irrt? Tocotronic oder ich? Zumal Hannes die neue Platte ja für die beste der im Nachhinein ausgerufenen „Berlin-Trilogie“ hält. Und es mir fernliegt, in den lamentierenden Singsang eines „früher waren die besser“ einzustimmen, der ja oftmals eh nur ausdrückt, dass man sich die verlorene Zeit seiner Jugend zurückwünscht.

Im Gegenteil: einiges ist ja besser und schöner geworden. Tocotronic hatten sich spätestens mit »KOOK« von den immer wiederkehrenden Jungsthemen abgewandt. Auch ihre sympathische Larmoyanz hatten sie mit diesem Album über Bord geworfen, kurz bevor sie sich totlaufen und zur öden Quengelei von verwöhnten Muttersöhnchen aus bildungsbürgerlichem Hause verkommen konnte. Die schlichte Mitteilung von Sachen, die man hasst, die einen stören oder (seltener) die man mag, hatte sich erledigt. Statt dessen traten verschwurbelte, beziehungsreiche Texte, aufwendige Instrumentierungen und ausgefuchste Arrangements auf den Plan. Es gibt kaum eine Lied-Passage, die ich mehr liebe als das „Manchmal, wenn wir liegen, in einem Zustand des Erwachens zwischen Nacht und Tag…“ von »Schatten werfen keine Schatten«. Queerness, Camp und feminin codierte Texte wie Gesänge fanden Einzug in den „tocotronischen Kosmos,“ auch dieses Wortpaar so eine campy verschwenderische Selbsterhöhung. Die Umarmung von Science Fiction, Dirks Buffy-Shirt, der Gruß an die Zwitterwesen auf den aktuellen Konzerten, das „Es grüßen euch wie immer auf das Allerherzlichste“ im Newsletter: alles ganz großartig.

Die Agenda könnte also kaum besser aussehen. Mit stereotypen Geschlechterzuschreibungen wird gespielt, jeglicher Form von (Selbst-)Disziplinierung eine Absage erteilt, emsiges Netzwerkeln verspottet, demütigender Selbstausbeutung eine heilsame Selbstverschwendung gegenübergestellt, dem sich-sicher-Sein der Zweifel. Das nicht-Funktionieren ist (nach wie vor) das Anliegen von Tocotronic.

Wenn da die Musik nicht wäre. Die wird nämlich, gewissermaßen im Gegensatz zu den guten Absichten Tocotronics, immer perfekter, schwerer, formalisierter und rockistischer. Geradezu abschließend perfekt war auch »Tocotronic«, allerdings besaß die Musik eine Leichtigkeit und Klarheit, die strahlte, und traumverwunschene Texte, die aus Paralleluniversen zu kommen schienen. Beides ging den Liedern von »Pure Vernunft…« zuweilen ab; beides ist bei »Schall und Wahn« nur noch die Ausnahme. Durch und durch formalisiert war schon »Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein«, nur hat man das nicht gehört. Die neuen Stücke wirken zuweilen penetrant berechnet: Ah ja, das wilde Punk-Stück. Verstehe, das zarte Liebeslied. Wo bleibt das Durchtriebene? Wo der Wahn des Albumtitels?

Und in die Mucker-Falle sind sie getappt; und das, wo doch Muckertum von Anfang an auf der No-Go-Liste Tocotronics stand. Lieder wie »Ein leiser Hauch von Terror«, »Macht es nicht selbst«, oder »Stürmt das Schloss« sind vielleicht nicht durchweg rockistisch – der verkünstelte, manchmal feminin codierte Gesang bewahrt noch vor Schlimmerem – kommen dem aus guten Gründen verpönten Muckertum aber verdammt nahe, zu nahe für meinen Geschmack. Der Raumklang der Mikrofonierung des meiner Meinung nach fatalen Moses Schneider (Produzent der letzten drei Alben, womit ich nicht ihm die Schuld in die Schuhe schieben möchte, denn Tocotronic, soviel darf man unterstellen, wissen, was sie tun) soll angeblich verhindern, dass der Sound zu fett daher kommt. Hören kann ich das allerdings nicht, und hinsetzen und mich nun extra darauf konzentrieren wird mir erst recht nicht einfallen. Mir wird ja schon schlecht, wenn Dirk von der seiner Meinung nach überragenden Mikrofonierung des Moses Schneider schwärmt. Oder von den angeblich avantgardistischen (Neue Musik!) Streicherarrangements von Thomas Meadowcroft, die zwar durchaus interessanter als gängige nullachtfuffzehn Pop-Streichereien sind, dem Muckertum aber nicht entgegenwirken. Das ganze reduziert sich auf die plakative Frage: Wozu live einspielen, wenn das Ergebnis trotzdem nach Standard-Rockaufnahme klingt? Vielleicht sollte ich doch genauer hinhören? Aber weswegen wurde denn einmal das ganze Projekt »Rock ‚n‘ Roll« gestartet?

Auch die Texte kommen auf »Schall und Wahn« plumper denn je daher. Allen voran »Stürmt das Schloss«, dass musikalisch wie textlich einfallsloseste Stück der Platte. Man wollte wohl einen sloganhaften, einfachen Punk-Song à la »Alles, was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben«. Der Refrain („Anormale! Stürmt das Schloss! Ausgeflippte! Stürmt das Schloss! Abgeschaffte! Stürmt das Schloss! SDS! SDS! SDS!“) bewegt sich allerdings auf Tote-Hosen Niveau; und Zeilen wie „Durchquert den endlosen Sand/ Teilt das durstige Meer/ Jagt der Narrheit hinterher/ Durchstreift das karstige Land“ sind allenfalls dürftige Parodien ähnlich angelegter, allerdings um weiten einfallsreicherer und verworrenerer früherer Tocotronic-Zeilen. Da hilft auch kein Verweis auf den sozialistischen deutschen Studentenbund oder »DSDS«, plump bleibt plump. Wie hier fordern die Texte auch in »Macht es nicht selbst« und »Bitte osziliieren Sie« zu etwas auf, und das ohne Umschweife oder Unklarheiten. Ob man das gut findet, sei jedem selbst überlassen. »Keine Meisterwerke mehr« ist der programmatische Song nach dem „Meisterwerk“ »Kapitulation«, bleibt textlich aber ebenso eindeutig wie langweilig. Das Schwelgerische und Selbstverschwenderische vieler früherer Tocotronic-Zeilen blitzt hier und da noch manchmal auf (etwa in der Zeile „Eure Liebe tötet mich/ Und doch bin ich unersättlich/ Weil ihr zur gleichen Zeit/ Die Medizin verschreibt/ Unersetzli-ich“ aus »Eure Liebe tötet mich«); die Texte sind nach wie vor reich und ungewöhnlich bebildert und mit den gewohnt mystisch-erhabenen Worten durchzogen. Ihnen fehlt allerdings fast durchweg das Vage und der Beziehungsreichtum – wegen mir auch das Rhizomatische – früherer Zeilen bzw. Texte. Stattdessen bekommt man einfach zu lesende Metaphern vorgesetzt, denen man auf seltsame Weise anmerkt, dass ihnen Gewalt angetan wurde. Vielleicht wurde beim Schreiben zu viel gewollt und zu wenig sich selbst überlassen?

Der einzig wirklich überzeugende Song – Text wie Musik – ist meines Erachtens »Im Zweifel für den Zweifel«, eine wunderschönen Kaskade an Zweifeleien, in der es heißt: „Im Zweifel für den Zweifel/ Das Zaudern und den Zorn/ Im Zweifel fürs Zerreißen/ der eigenen Uniform// Im Zweifel für Verzärtelung/ Und für meinen Knacks/ Für die äußerste Zerbrechlichkeit/ Für einen Willen wie aus Wachs// Im Zweifel für die Zwitterwesen/ Aus weit entfernten Sphären/ Im Zweifel fürs Erzittern/ Beim Anblick der Chimären…“ Das Ganze gesungen zu einer einfachen Akustik-Gitarre und einer wehleidigen Geige. Traumhaft schön.

"Im Zweifel für den Zweifel" auf tape.tv
Vielleicht das beste Lied des Albums: »Im Zweifel für den Zweifel«
Nicht, dass das falsch verstanden wird: ich möchte keinesfalls, dass Tocotronic irgendwie „authentischer“ rüberkommen. Gerade das Campige und das Übertriebene ist ja das derzeit spannendste an Tocotronic. Das Maß an Perfektion, Berechenbarkeit und Muckertum, das man auf der aktuellen Platte vorfindet, ist allerdings ein wenig zu viel des Guten und steht den Absichten der Band, und manchmal den Texten entgegen. Dirk sagte vor kurzem in einem Interview: „Kunst braucht etwas Zweifelndes. Wenn die zu selbstbewusst ist, dann ist sie meistens fürchterlich. Ich finde es immer interessant, wenn Kunst ihre eigene Unsicherheit ausstellt.“ Genau deswegen heißt und ist das beste Lied auf »Schall und Wahn« auch »Im Zweifel für den Zweifel«. Genau das fehlt den meisten anderen Liedern allerdings; die Musik von Tocotronic ist sich ihrer Sache zu sicher. Damit einher geht ein Verlust von Leichtigkeit; Tocotronic rücken in die Nähe der Art von angestrengt-formelhafter wie langweiliger Musik (bzw. Kunst im Allgemeinen), die man im Deutschen so oft vorfindet, wenn es politisch sein soll. Das ist dann vielleicht noch relevant, kann aber nicht mehr begeistern. Beides zu verbinden war einmal die große Stärke von Tocotronic.

Nach dem Abschluss der „Trilogie“ der im Sound dann doch recht ähnlichen letzten drei Alben, wäre ein erneuter Hakenschlag von Tocotronic ja fast schon zu erwarten. Es würde Ihnen in keinem Fall schlecht stehen. Die Zeit bis dahin werde ich mich mit früheren Platten und anderen Bands vertrödeln; das aktuelle Album ist schlichtweg zu bemüht und uninspiriert.

Tocotronic: Schall und Wahn
Vertigo, VÖ 22.01.2010

-> http://www.tocotronic.de/

Sonntag, 28. November 2010

Galeria Autonomica, 25.-27.11.2010

„Urban Contemporary Art“ in einer „off-Location,“ einem Industrie-Loft im Kunstpark? Immer doch! Es ist nicht die erste Ausstellung der Galeria Autonomica, vor drei Jahren von Christoph Pankowski und Christian Minke ins Leben gerufen, es ist auch nicht die erste in München. Und das ganze hält dann auch, was man sich so darunter versprochen hat: junge, hippe Leute wie man selbst mit ein wenig Selbstverachtung einer ist, Puzzle-Teilchen als Pfandmarken für das Bier aus der Flasche, lockerer Umgang mit Zigaretten, zeitgenössische elektronische Tanzmusik und angenehm unprätentiös präsentierte Kunstwerke. Das kann man aus bestimmten Blickwinkeln alles ganz schrecklich und predictable finden, dafür gibt es aber erstmal auch nicht zwingend einen Grund.

Für eine „temporäre Bestandsaufnahme zeitgenössischer Kultur,“ wie es die Homepage verspricht, ist es vielleicht etwas wenig an Kunst, aber so ernst nimmt man sicher auch diesen Anspruch nicht. Ungefähr 30 Kunstwerke also, für die man nun zumindest genügend Zeit hat. Größtenteils gegenständliche Sachen, von Ölgemälden über Kritzeleien auf Pappkarton bis zu found-Object-Collagen und Skulptuern/Installationen. Graffiti fehlt überraschender Weise, aber seit Banksy-Bücher und -Frühstücksbrettchen in jedem sich etwas alternativer gebenden Flag Store verkauft werden, ist das ja auch nicht mehr so „abseits vom Mainstream,“ wie es die Kunst hier sein möchte. Eine Street-Art-mäßige Skulptur kombiniert als Pizzaverpackung verkleidete Betonplatten mit einer echten Pizzaverpackung, eine andere arbeitet mit Wellensittichen und mit Lebkuchenherzen, auf denen Sachen stehen wie „Make Guttenberg not Integration.“ Schrift, die das Kunstwerk betritt. Funktioniert in dem Fall, weil eben auf einem Oktoberfestaccessoire, noch ganz gut, verliert bei den restlichen Kunstwerken aber schnell an Reiz. Vor allem, wenn es sich um Slogans handelt, ganz gleich ob gewitzt („Make Guttenberg…“) oder fad („Wer etwas ist, hat aufgehört, etwas zu sein“). Urban Art – so der Eindruck – scheint aber dieser Tage (und hier) vor allem zu bedeuten, dass die Schrift ins Kunstwerk kommt. Und dazu mal eben Rainald Goetz:

„Text und Bild: ich sah plötzlich die darin eingeschlossene Auseinandersetzung mit melancholischen Momenten. Wenn Buchstaben aus dem Comic und der Werbung ins Gemälde wandern dürfen, Schrift in die Zeichnung, ist auch Melancholie als Thema mit da. […] Warum eigentlich? Das Bild ist dann GEBROCHEN, verletzt, kämpft, ist bedroht. Es hat etwas Verzweifeltes, dieser Übergriff, das Erleiden des imperialistischen Einmarsches des Textes in die Stille der Schau, die Passivität und Wehrlosigkeit des Bildes. Sein nur traurig und überfordert blickender Blick der Hinnahme und Auflehnungslosigkeit. Die Melancholie.“ (Rainald Goetz, Abfall für alle, 165)

Das Einfühlungsvermögen von Rainald Goetz hier ist zu beneiden. In der Galeria Autonomica war ich jedenfalls schon zu unkonzentriert, um bei den einzelnen Bildern – gerade wegen des „imperialistischen Einmarsches des Textes“ – dann mehr die ganzen anderen Sachen eines Kunstwerks in den Blick zu nehmen. Ist aber halt auch nicht der neueste Hut, das Ding mit der Schrift und den Slogans, das törnt dann auch schnell mal ab. Am besten funktionieren dann immer noch die witzigen Sachen, die wischen den Politikkram und die Dissidenzspielereien der Slogan-Bilder so herrlich leichtfüßig vom Tisch. Sind damit natürlich dissidenter und politischer als die Sachen, die sich so offen politisch geben. Mein Lieblingstextbild, auch weil es sich so schön selbst aufs Korn nimmt:

Inwiefern das ganze jetzt am Puls der Zeit oder doch einfach nur jung und (nur? deswegen noch) abseits des Mainstreams ist, kann ich nicht beurteilen. Kommerziell ausgerichtet war das Ganze jedenfalls tatsächlich nicht, ein paar der Künstler dürften in Zukunft aber trotzdem ganz gut über die Runden kommen. Mit Coffee-Table-Book-Kritzeleien zum Beispiel:

Oder mit klassischer gegenständlicher Malerei. Hier mein Darling der Ausstellung:

Später wurde es noch etwas dunkler, die Musik etwas abfahrtiger (am Samstag, dem einzigen Tag, an dem ich da war, richtig gut: Cocolores + Friends), einige Leute tanzten schon, wir saßen ungemütlich auf dem Parkett rum und haben gemütlich geplaudert, bis es irgendwann hieß: Bier leer, Geld alle, Ziesn weg, letzte U-Bahn im Anmarsch, lass ma nach Hause gehn. Ein schöner Abend umringt von vielen erwartbaren und einigen unerwarteten Kunstsachen.

-> http://www.sz-jugendseite.de/js-texte.php?showid=3571 Man kann nie alles sagen: mehr zum Konzept der 48h-Ausstellung, zum Versuch, die junge Münchener Kunstszene zu wecken, und zu den leidigen Münchener Eigenheiten auf der Jugendseite der SZ.

Donnerstag, 4. November 2010

"Sterne" von Frank Wierke


Und gleich nochmal Sterne: Zwei Nächte später lief auf 3sat die Premiere von „Sterne“ von Frank Wierke. In der angenehm unaufgeregten Doku konnte man den schwierigen Prozess der Neuausrichtung der Band beobachten, im Studio, bei Auftritten, beim Steuerberater von Frank Spilker (!). Oft nur angedeutet, manchmal ausformuliert, wurden die Verzwicktheiten einer Band wie den Sternen deutlich: von Entscheidungen über ja oder nein einer Zugabe bis zum Finden und Ausprobieren neuer Sounds; ob bei der Hereinnahme von Mathias Modica als Produzenten oder bei der täglichen Organisation der Dinge um die Band herum.

Als loser Leitfaden diente dabei die Entstehung des Songs „Convenience Shop.“ Auf Interviews wurde verzichtet, auch wenn Frank Spilker ab und zu auf direkte Fragen zu antworten scheint. Größtenteils ist die Kamera als unbeteiligter und (vermeintlich) unbeachteter Beobachter bei verschiedenen Band-Situationen dabei. Als Zuschauer kann man sich dabei einen recht guten Eindruck vom Bandgeschehen machen, auch wenn dieser natürlich nicht stimmen muss. Meines Erachtens der große Vorteil des Films, er verzichtet darauf, die Geschehnisse einer ‚offiziellen‘ Deutung zu unterführen. Den Sternen wird kein Image verpasst (war ja eh klar), womit aber auch schon wieder ein Image geschaffen bzw. im Fall der Sterne wohl eher gefestigt wird. Wie dem auch sei.

Der Ausstieg von Richard von der Schulenburg wurde mit Anstand behandelt, auch hier wurde niemand direkt befragt. Vielmehr äußert er nur kurz einmal die Unzufriedenheit damit, dass das Album mit Mathias Modica zu einem Produzenten-Album werden würde und er lieber ein Band-Album hätte; die Band scheint ein, zwei mal mit seinen musikalischen Fähigkeiten unzufrieden. Persönliche Differenzen scheinen jedenfalls wirklich nicht zum Ausstieg beigetragen zu haben.

Sehr interessant auch die Bemerkungen Spilkers zur „notwendigen Schizophrenie,“ wenn man einerseits als Künstler einen Scheiß auf alles Kommerzielle geben muss, andererseits als Labelbesitzer (Die Sterne vertreiben ihr aktuelles Album selbst, bei den wiederbelebten Materie Records) versuchen muss, das Ding möglichst gut unter die Leute zu bringen.

Dienstag, 2. November 2010

Die Sterne @ 59:1, 01.11.2010

Wie klingt das neue Disco-Zeug live? Wie passt das zusammen mit den alten Sachen? Wer sitzt jetzt an der Orgel? Alles brennende Fragen, auf dir wir ziemlich genau vor einem Jahr Antworten bekommen wollten – und nicht bekommen sollten: ausverkauft. Hatten wir uns schon fast gedacht, so eine große Band in so einem kleinen Schuppen.

Zum Glück brauchen auch die Herren Sterne Geld zum Leben und spielten diesen Montag gleich nochmal in München, gleich nochmal im 59:1, dem – weil so schön klein – besten Konzertsaal Münchens. Karten diesmal rechtzeitig vorbestellt und rein in das Vergnügen.

Und was für eins! So gut gelaunt hatte ich die Sterne noch nie erlebt. Auf Frank Spilker war zwar in Sachen Kommunikation mit dem Publikum immer Verlass, so richtig begeistert – liegt es an München? – kam das dann aber doch nie rüber. Heute ist die ganze Band wie ausgewechselt: Christoph Leich bearbeitet sein Schlagzeug mit Dauergrinsen, Thomas Wenzel lässt sich zu kleinen Showeinlagen verführen und „der Neue“ bzw. die Tour-Zwischenlösung an den Tasten (Taco van Hettinga, der auch schon Fettes Brot live begleitet hat), strahlt ebenfalls die ganze Zeit ob seiner neuen Beschäftigung.

Das Konzert beginnt, konsequent, wie man die Sterne kennt, mit drei neuen, discoiden Stücken, danach geht es fröhlich im Wechsel zwischen alten und neuen Sachen weiter. Beides wird vom Publikum freundlich aufgenommen, auch wenn erst so richtig Stimmung aufkommt, als Spilker die Bühne verlässt und im Publikum singt …und verschwindet. Als der Rest der Band schon rätselt, ob das Konzert ohne Sänger überhaupt weitergehen könne, taucht er allerdings wieder auf, und die Party kann weiter- bzw. erst richtig losgehen.

Das Disco-Ding funktioniert, und man realisiert wieder einmal, dass die Sterne schon immer den Groove gebucht hatten. „Deine Pläne“, „Life in Quiz“, „Convenience Shop“ „Nach Fest kommt Lose“, „Depressionen aus der Hölle“, „Gib Mir Die Kraft“, fast das komplette neue Album wird gespielt. Die Gitarre kommt allerdings auch nicht zu kurz, wobei Gitarrensoli, wie Spilker anmerkt, ironisch zu verstehen sind, man solle ihm mal den Monitor lauter drehen, damit er auch selbst drüber lachen könne. In ungefähr gleichem Verhältnis werden also auch die alten Gassenhauer dargeboten – damit die Kunden auch zufrieden nach Hause gehen könnten – und mit „Universal Tellerwäscher“, „Was hat dich bloß so ruiniert“, einer ausufernden Version von „Fickt das System“, „Wahr ist was wahr ist“ und „Aber andererseits“ (als einziges vom letzten Album) wird auch wirklich niemand enttäuscht. Leicht ironisch sind wohl auch die Tanzbewegungen Spilkers, der ja nun die Hälfte des Konzerts nur mit Mikro bestreitet, zu verstehen; die Sterne nehmen sich jedenfalls angenehm unernst.

Vor der zweiten Zugabe meint die Band, dass sie zwar noch spielen wolle, aber „diese Dienstleistungsveranstaltung“ gerne beenden würde und wie man das nun anstellen könne, die Bühne sei zu klein für alle. „Nur die Raucher“ ruft da einer und – obwohl Spilker keine plumpe Raucher-Demo möchte – entern für die letzten beiden Stücke die Raucher die Bühne und zünden sich eine an. „Stadt der Reichen“ wird zum Call-and-Response („In der Stadt der Reichen“ singen diejenigen auf der Bühne, „liegen tausend Leichen“ antwortet das restliche Publikum) und mit einem rührseligen „Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt“ wird das Publikum voller Glückseligkeit in die Nacht entlassen. Die Sterne selbst scheinen nicht weniger glückselig; die Band scheint überaus zufrieden mit ihrer Neuerfindung, und das zu Recht.

-> http://www.diesterne.de/

Sonntag, 3. Oktober 2010

Herrenmagazin - Das wird alles einmal dir gehören

Weißes, leicht ins Blaue gehendes Cover, seriöse Schrift in Schwarz und Grau. Wo bei Tocotronic derzeit ein Blumenstrauß steht, ist hier ein Häufchen von der Wand gefallener Putz. Das wird alles einmal dir gehören – Nichts? Ein renovierbedürftiger Altbau? Wie dem auch sei, das alles schreit nach Ernsthaftigkeit, Kunstanspruch, blablabla. Und bei Bands aus Hamburg kann so etwas ja durchaus mal gelingen. Umso ernüchternder dann der Eindruck, wenn man sich die Platte anhört. Langweilige, unspektakuläre, todgespielte und todgehörte Gitarrenmusik, irgendwo im viel beackerten Niemandsland zwischen den mittlerweile aufgelösten Schrottgrenze und den mittlerweile ebenfalls aufgelösten Muff Potter. Ein wenig punkig, ein wenig schrammelig, Melodien Fehlanzeige. So etwas wie Eigenständigkeit oder Wiedererkennungsmerkmale könnte man höchstens in der vehementen Mittelmäßigkeit von Herrenmagazin finden. Irrelevant ist gar kein Ausdruck.

Und wie so oft bei Bands, bei denen die Musik nicht auf die Idee kommt auch nur einen frischen Einfall zu haben, wollen die Texte mehr als sie können. Suggerieren undeutlich erkennbare Abgründe, hartes Leben, einmalige Lieben, das Scheitern dieser Lieben und die schier unaushaltbaren Zerreißproben gesellschaftlicher Nonkonformität, wo, ja, wo wahrscheinlich nur ein etwas durch Bandproben und Auftritte aufgemotzter, prekärer Alltag ist. Als Beispiel könnte man jede beliebige Stelle des Albums wählen. Ich mach das eben mal, ein paar Worte aus „Erinnern“: „Du, du wirst dich nicht erinnern/ Wir bleiben stehen dort wo uns keiner sieht/ Ich, ich werd mich nicht erinnern/ Und das ist es, was uns zu Boden zieht/ Und wer fällt, der will auch liegen,/ Und wer liegt, der jagt auch nichts/ Im trüben Glas zur späten Stunde/ schwimmt ein Herz und dann zerbricht's.“ Schwer zu erklären, aber Texte dieser Art wollen mit ihren kräftigen Wörtern und Bildern den ganzen Weltschmerz heraufbeschwören, den es da gibt, bleiben aber zu unkonkret, als dass es einen irgendwie berühren könnte. Und weil ja nun einmal eh schon alles unkonkret ist, wird es schnell beliebig, es reimt sich ja alles so schön.

Die Produktion ist tadellose State of the Art, jedes Instrument ist deutlich heraushörbar, die Stimme ist sogar weniger penetrant in den Vordergrund gemischt, als bei vielen Bands des gleichen Metiers. Aber gerade in dieser Perfektion liegt auch hier schon wieder Mittelmäßigkeit: tausend Bands sind dieser Tage so abgemischt. Derartige Klarheit im Sound bevorzuge ich zwar immer noch zu einem Brei à la Mando Diao, ein bisschen mehr Rowdyness würde der Platte aber trotzdem gut stehen. Es hätte mich nicht gewundert, wenn Moses Schneider da seine Hände im Spiel gehabt hätte, es ist allerdings Torsten Otto, ein Weggefährte Schneiders, der als Produzent verantwortlich zeichnet. Otto und Schneider bilden das Herz der Berliner Produktionsgesellschaft Transporterraum Produktion und zusammen haben sie schon u.a. Tocotronic und Beatsteaks – meines Erachtens nicht zu deren Vorteil – produziert.

„Das wird alles einmal dir gehören“ ist schon das zweite Album einer nicht mehr ganz so neuen Band aus Hamburg, gegründet 2004, erste EP 2005, erstes Album „Atzelgift“ 2008. Gesang und Gitarre steuert Deniz Jaspersen bei, die zweite Gitarre "König Wilhelmsburg" und den Bass bedient Paul Konopacka. Am Schlagzeug Rasmus Engler, den man schon von das Bierbeben, Gary und Dirty Dishes kennen könnte und der außerdem Autor des Buches „Wovon Lebst du eigentlich?“ ist, einem Interviewband über Künstler und deren prekäre Lebensverhältnisse. Diese gute Referenz überrascht etwas, für mehr als gute Connections im Umfeld von Kettcar und Tocotronic scheint sie sich aber bei Herrenmagazin nicht ausgezahlt zu haben.

Die Ernsthaftigkeit von Herrenmagazin funktioniert nicht, weil ihr das Quäntchen Humor und die Leichtigkeit fehlt. Übrig bleibt nur Angestrengtheit und Musik, die so staubtrocken und dröge ist, wie der abgefallene Putz auf dem Cover.

Herrenmagazin: Das wird alles einmal dir gehören
Rent a Record Company, VÖ 03.09.2010

-> http://www.herrenmusik.de/